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Bildungsurlaub für Pflegekräfte und Ärzte 2026 im Überblick

MUDr. Amandeep Grewal
MUDr. Amandeep GrewalArzt, Co-Founder von travel4med
  • 9. August 2026
  • 21 Minuten
Bildungsurlaub für Pflegekräfte und Ärzte 2026 im Überblick

Bildungsurlaub für Pflegekräfte und Ärzte 2026: Anspruch, Fristen & Beantragung

Bildungsurlaub ist bezahlte Freistellung für eine staatlich anerkannte Weiterbildung: In 14 der 16 Bundesländer stehen dir dafür bis zu fünf Arbeitstage pro Kalenderjahr zu, bei voller Lohnfortzahlung (DGB, 2026). Für Pflegekräfte, MTAs und angestellte Ärzt:innen ist das ein eigenständiger Anspruch zusätzlich zum Erholungsurlaub. Nur hängen Tageszahl, Antragsfrist, Betriebsgrößen-Regel und Ausschlussgründe komplett am Gesetz deines Arbeitsorts – dieser Guide zeigt dir die konkreten Paragrafen am Beispiel von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

Key Takeaways

  • Fünf Tage pro Jahr, aber unterschiedlich verwendbar: In Baden-Württemberg und NRW sind es je fünf Arbeitstage pro Kalenderjahr. In NRW lassen sich zwei Kalenderjahre zu zehn Tagen bündeln (§ 3 Abs. 1 AWbG); in Baden-Württemberg verfällt der Rest zum Jahresende und ist ausdrücklich nicht übertragbar (§ 3 Abs. 5 BzG BW).
  • Fristen und Schweigefrist: Der Antrag muss in Baden-Württemberg spätestens neun Wochen (§ 7 Abs. 1 BzG BW), in NRW spätestens sechs Wochen vor Kursbeginn vorliegen (§ 5 Abs. 1 AWbG). Antwortet dein Arbeitgeber nicht innerhalb von vier Wochen (BW) bzw. drei Wochen (NRW), gilt die Freistellung als erteilt.
  • Betriebsgröße entscheidet mit: In NRW besteht in Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten gar kein Anspruch (§ 3 Abs. 7 AWbG). In Baden-Württemberg bleibt der Anspruch bestehen, unter zehn Beschäftigten darf der Arbeitgeber aber ablehnen (§ 7 Abs. 3 BzG BW). Für eine MFA oder Pflegekraft in einer kleinen Praxis ist das der wichtigste Punkt überhaupt.
  • Teilzeit wird nach Tagen gekürzt, nicht nach Stunden: Wer regelmäßig an fünf Tagen pro Woche arbeitet, hat auch mit halber Stundenzahl die vollen fünf Tage. Erst weniger als fünf Wochenarbeitstage kürzen den Anspruch (§ 3 Abs. 1 BzG BW; § 3 Abs. 2 AWbG).
  • Nicht alles zählt: Kurse zur Körper- und Gesundheitspflege sowie zum Einüben psychologischer Fertigkeiten sind in NRW ausdrücklich ausgeschlossen (§ 9 Abs. 2 Nr. 1 und 2 AWbG), in Baden-Württemberg gilt Entsprechendes für Erholungs- und Körperpflegekurse und für psychologische Trainings ohne beruflichen Bezug (§ 6 Abs. 2 Nr. 3 und 5 BzG BW).
  • Bayern und Sachsen: In Bayern gibt es keinen gesetzlichen Anspruch. In Sachsen bringt das Sächsische Qualifizierungszeitgesetz (SächsQZG) vom 4. Februar 2026 ab dem 1. Januar 2027 drei Arbeitstage pro Kalenderjahr.

Was ist Bildungsurlaub für Pflegekräfte und Ärzte?

Bildungsurlaub ist der Anspruch von Beschäftigten, für eine anerkannte Weiterbildung unter Fortzahlung des Entgelts von der Arbeit freigestellt zu werden. Je nach Bundesland heißt er Bildungszeit, Bildungsfreistellung oder Arbeitnehmerweiterbildung. Dein Arbeitgeber zahlt weiter den Lohn, die Kurs- und Reisekosten trägst du selbst (DGB, 2026).

Wichtig für die Planung: Bildungsurlaub ersetzt keinen Erholungsurlaub, sondern kommt zusätzlich dazu. Er ist reine Ländersache, ein Bundesgesetz dazu gibt es nicht. Genau deshalb sind pauschale Aussagen wie „dir stehen fünf Tage zu" nur die halbe Wahrheit: Die Tageszahl stimmt in vielen Ländern, die Bedingungen unterscheiden sich aber erheblich.

Für Pflegekräfte, MTAs und angestellte Ärzt:innen ist der Anspruch besonders relevant, weil viele Fachfortbildungen, berufsbezogene Sprachkurse und Seminare zu Organisation und Recht im Gesundheitswesen darunterfallen. In unserer Beratungspraxis erleben wir regelmäßig, dass genau diese Berufsgruppen ihren Anspruch gar nicht kennen, weil sie Bildungsurlaub mit dem normalen Jahresurlaub gleichsetzen.

International geht das Konzept auf das Übereinkommen 140 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über den bezahlten Bildungsurlaub zurück, das 1974 verabschiedet und von Deutschland 1976 ratifiziert wurde (ILO Convention 140, 1974). Warum daraus in Deutschland bis heute kein bundeseinheitlicher Anspruch geworden ist, hat Prof. Dr. Reingard Zimmer, Professorin für Arbeitsrecht an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin, rechtswissenschaftlich aufgearbeitet (Zimmer, ZESAR 2/2015 und 3/2015).

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Wer hat Anspruch auf Bildungsurlaub?

Anspruch haben Beschäftigte in einem Arbeitsverhältnis, sobald sie die Wartezeit ihres Bundeslands erfüllt haben: zwölf Monate in Baden-Württemberg (§ 4 BzG BW), sechs Monate in Nordrhein-Westfalen (§ 3 Abs. 3 AWbG). Selbstständige und niedergelassene Ärzt:innen in eigener Praxis fallen heraus, ebenso Studierende ohne Beschäftigungsverhältnis.

Im Einzelnen anspruchsberechtigt sind:

  • Angestellte Pflegekräfte, MTAs und angestellte Ärzt:innen nach zwölf (BW) bzw. sechs Monaten (NRW) im Beschäftigungsverhältnis
  • Beamtinnen und Beamte sowie Richterinnen und Richter des Landes Baden-Württemberg, für die das BzG BW entsprechend gilt (§ 2 Abs. 2 BzG BW)
  • Auszubildende und DHBW-Studierende – allerdings stark eingeschränkt: In Baden-Württemberg sind es fünf Arbeitstage für die gesamte Ausbildungs- oder Studienzeit, beschränkt auf politische Weiterbildung und Ehrenamts-Qualifizierung (§ 3 Abs. 2 BzG BW). In NRW gilt für Auszubildende dasselbe Muster: insgesamt fünf Arbeitstage während der gesamten Berufsausbildung, ausschließlich für politische Arbeitnehmerweiterbildung (§ 12a Abs. 1 AWbG)
  • Teilzeitbeschäftigte mit vollem Anspruch, solange sie regelmäßig an fünf Tagen pro Woche arbeiten – anteilig weniger erst bei weniger Wochenarbeitstagen

Zwei Sonderfälle betreffen das medizinische Bildungswesen direkt: Wer in Baden-Württemberg an einer Schule unterrichtet oder Schüler:innen betreut – also etwa an einer Pflegeschule –, kann Bildungszeit nur in den unterrichtsfreien Zeiten nehmen; Lehrende an Hochschulen nur in der vorlesungsfreien Zeit (§ 3 Abs. 3 BzG BW).

Welches Landesgesetz gilt für dich – Wohnort oder Arbeitsort?

Maßgeblich ist der Arbeitsort, nicht der Wohnort. Das AWbG gilt für Beschäftigte, deren Beschäftigungsverhältnis seinen Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen hat (§ 2 AWbG), das BzG BW für Beschäftigte, deren Tätigkeitsschwerpunkt in Baden-Württemberg liegt (§ 2 Abs. 1 BzG BW). Wer in Mannheim wohnt und in Ludwigshafen arbeitet, richtet sich also nach Rheinland-Pfalz.

Das ist keine Formalie, sondern die erste Weiche: Auch die Anerkennung des Kurses richtet sich nach diesem Bundesland. Ein Seminar, das in NRW als Bildungsveranstaltung anerkannt ist, muss in Baden-Württemberg von einem dort anerkannten Träger nach § 9 BzG BW angeboten werden, sonst zählt es nicht. Für Pendler:innen in den Ballungsräumen Rhein-Neckar, Rhein-Main und Rhein-Ruhr lohnt sich dieser Check vor jeder Kursbuchung.

In welchen Bundesländern gibt es Bildungsurlaub?

In 14 der 16 Bundesländer gibt es derzeit einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub (DGB, 2026). Sachsen kommt zum 1. Januar 2027 hinzu: Das Sächsische Qualifizierungszeitgesetz (SächsQZG) vom 4. Februar 2026 gewährt dort drei Arbeitstage Qualifizierungszeit pro Kalenderjahr nach sechs Monaten Beschäftigung. Bayern bleibt damit ab 2027 das einzige Bundesland ohne gesetzlichen Anspruch.

Wie unterschiedlich die Regeln ausfallen, zeigt der direkte Vergleich der beiden meistgenutzten Landesgesetze:

RegelBaden-Württemberg (BzG BW)Nordrhein-Westfalen (AWbG)
Anspruch pro Jahrbis zu 5 Arbeitstage (§ 3 Abs. 1)5 Arbeitstage (§ 3 Abs. 1)
Zwei Jahre bündelnnein, Rest verfällt zum Jahresende (§ 3 Abs. 5)ja, zwei Kalenderjahre zusammenfassbar (§ 3 Abs. 1)
Wartezeit12 Monate (§ 4)6 Monate (§ 3 Abs. 3)
Antrag spätestens9 Wochen vor Kursbeginn (§ 7 Abs. 1)6 Wochen vor Kursbeginn (§ 5 Abs. 1)
Wenn der Arbeitgeber schweigtnach 4 Wochen gilt die Bewilligung als erteilt (§ 7 Abs. 4)nach 3 Wochen gilt die Freistellung als erteilt (§ 5 Abs. 3)
Betrieb unter 10 BeschäftigtenAnspruch bleibt, Ablehnung als dringender betrieblicher Belang erlaubt (§ 7 Abs. 3)kein Freistellungsanspruch (§ 3 Abs. 7)
10-Prozent-Quote im BetriebAblehnung möglich, wenn 10 % der Bildungszeit bereits genommen oder bewilligt sind (§ 7 Abs. 3)Anspruch entfällt in Betrieben bis 50 Beschäftigte, wenn 10 % freigestellt wurden (§ 3 Abs. 7)
TeilzeitKürzung nur bei weniger als 5 Wochenarbeitstagen (§ 3 Abs. 1)Kürzung oder Erhöhung nach Wochenarbeitstagen (§ 3 Abs. 2)
Krankheit im KursAttest-Tage werden nicht angerechnet (§ 3 Abs. 4)Attest-Tage werden nicht angerechnet (§ 3 Abs. 5)
Reines Online-Formatnur bei mehrtägigen Maßnahmen, Präsenzzeit muss überwiegen (§ 6 Abs. 1 Nr. 4)digitale Veranstaltungen ausdrücklich zulässig (§ 9 Abs. 1)
Veranstaltung im Auslandkeine Entfernungsgrenze im Gesetz, aber nur anerkannte Träger (§ 6 Abs. 1 Nr. 3)ausgeschlossen ab 500 km Entfernung zur Landesgrenze (§ 9 Abs. 2 Nr. 5)

Quellen: Bildungszeitgesetz Baden-Württemberg und Arbeitnehmerweiterbildungsgesetz NRW, Gesetzestexte abgerufen am 18.08.2026.

Arbeitest du in Bayern, hilft bis auf Weiteres nur der Blick in deinen Tarif- oder Arbeitsvertrag – dort besteht kein eigener gesetzlicher Anspruch. In Sachsen gilt das nur noch bis Ende 2026.

Bildungsurlaub im Ländervergleich: Baden-Württemberg vs. NRW Beide Bundesländer gewähren fünf Arbeitstage bezahlte Freistellung pro Kalenderjahr. In Baden-Württemberg muss der Antrag neun Wochen vor Kursbeginn vorliegen, in Nordrhein-Westfalen sechs Wochen. In NRW besteht in Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten kein Anspruch; in Baden-Württemberg bleibt der Anspruch bestehen, der Arbeitgeber darf unter zehn Beschäftigten aber ablehnen. Bildungsurlaub: BW vs. NRW im Vergleich 5 Tage 5 Tage Baden-Württemberg: Antrag 9 Wochen vorher Ablehnung unter 10 Beschäftigten möglich NRW: Antrag 6 Wochen vorher kein Anspruch unter 10 Beschäftigten Quelle: BzG BW §§ 3, 7; AWbG NRW §§ 3, 5 (Stand 18.08.2026). Regeln je Bundesland unterschiedlich.
Gleicher Tagesanspruch, unterschiedliche Fristen und Betriebsgrößen-Regeln: Bildungsurlaub ist Ländersache.

Wie viele Tage Bildungsurlaub stehen dir zu?

In Baden-Württemberg und in NRW sind es jeweils fünf Arbeitstage pro Kalenderjahr. Der praktische Unterschied liegt in der Bündelung: NRW erlaubt ausdrücklich, den Anspruch aus zwei Kalenderjahren zusammenzufassen und so zehn Tage am Stück zu nehmen (§ 3 Abs. 1 AWbG). Baden-Württemberg schließt eine Übertragung ins Folgejahr dagegen aus (§ 3 Abs. 5 BzG BW).

Für den Dienstplan heißt das Gegenteiliges: In NRW kannst du eine zweiwöchige Fortbildung planen, in Baden-Württemberg musst du die fünf Tage bis zum 31. Dezember genutzt haben, sonst sind sie weg. Es gibt in NRW noch einen zweiten Übertragungsweg – hat dein Arbeitgeber die Freistellung wegen zwingender betrieblicher Belange abgelehnt, wandert der Anspruch einmalig ins Folgejahr (§ 3 Abs. 4 AWbG).

Pauschale Fünf-Tage-Angaben ohne Länderbezug, wie sie in Suchergebnissen ständig auftauchen, führen deshalb regelmäßig zu Enttäuschungen. Prüfe immer die Regelung des Bundeslands, in dem du arbeitest, bevor du einen Kurs buchst.

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Bildungsurlaub beantragen: Fristen, Reihenfolge und Fallstricke

Die Reihenfolge entscheidet darüber, ob du Geld verlierst. Prüfe zuerst, ob du überhaupt anspruchsberechtigt bist, und buche erst danach. Wer im achten Monat eines neuen Arbeitsverhältnisses in Baden-Württemberg einen Kurs bezahlt und dann feststellt, dass die Wartezeit zwölf Monate beträgt, zahlt die Gebühr umsonst.

So gehst du vor:

  1. Wartezeit prüfen: zwölf Monate in Baden-Württemberg (§ 4 BzG BW), sechs Monate in NRW (§ 3 Abs. 3 AWbG). Ein direkt vorangegangenes Ausbildungsverhältnis beim selben Arbeitgeber zählt in BW mit.
  2. Betriebsgröße klären: In NRW hast du in einem Betrieb mit weniger als zehn Beschäftigten keinen Anspruch (§ 3 Abs. 7 AWbG). In Baden-Württemberg darf der Arbeitgeber unter zehn Beschäftigten ablehnen (§ 7 Abs. 3 BzG BW) – frag hier vorab informell nach.
  3. Anerkannten Kurs auswählen und dir vom Träger den Anerkennungsnachweis plus das Programm mit Zielgruppe, Lernzielen und Zeitablauf geben lassen (§ 5 Abs. 1 AWbG; § 6 Abs. 1 Nr. 3 BzG BW).
  4. Antrag schriftlich oder elektronisch stellen: in Baden-Württemberg spätestens neun Wochen vor Beginn (§ 7 Abs. 1 BzG BW), in NRW spätestens sechs Wochen vorher (§ 5 Abs. 1 AWbG). In BW sind eingeführte Formulare zwingend zu verwenden (§ 7 Abs. 7 BzG BW).
  5. Antwortfrist im Blick behalten: Entscheidet dein Arbeitgeber in BW nicht binnen vier Wochen nach Antragseingang, gilt die Bewilligung als erteilt (§ 7 Abs. 4 BzG BW). In NRW gilt die Freistellung als erteilt, wenn er nicht binnen drei Wochen schriftlich und begründet ablehnt (§ 5 Abs. 3 AWbG).
  6. Teilnahmenachweis vorlegen: In Baden-Württemberg spätestens acht Wochen nach Kursende, sonst verlierst du den Anspruch auf Fortzahlung der Bezüge (§ 7 Abs. 5 BzG BW). Die Bescheinigung stellt der Träger kostenlos aus.

Zwei Hebel, die kaum jemand kennt: Streitet ihr in Baden-Württemberg darüber, ob eine Maßnahme überhaupt bildungszeitfähig ist, kannst du die Schiedsstelle beim Regierungspräsidium Karlsruhe anrufen – spätestens fünf Wochen nach Eingang deines Antrags beim Arbeitgeber, und vor dem Rechtsweg ist das sogar Pflicht (§ 6 Abs. 3 BzG BW). Und nimmt dein Arbeitgeber in BW eine bereits genehmigte Bildungszeit kurzfristig zurück, trägt er deine nachgewiesenen Stornokosten (§ 7 Abs. 6 BzG BW).

Welche Voraussetzungen muss die Weiterbildung erfüllen?

Der Kurs muss der beruflichen oder politischen Weiterbildung dienen und von einem anerkannten Träger durchgeführt werden; in Baden-Württemberg kommt die Qualifizierung für eine ehrenamtliche Tätigkeit als dritter Bereich hinzu (§ 1 Abs. 2 BzG BW; § 1 Abs. 2 AWbG). Ohne Anerkennung des Trägers nach § 9 BzG BW bzw. § 10 AWbG zählt auch das beste Seminar nicht als Bildungsurlaub.

Der Inhalt muss nicht zu deiner aktuellen Stelle passen. Das AWbG stellt ausdrücklich klar, dass berufliche Weiterbildung „nicht auf die bisher ausgeübte Tätigkeit beschränkt" ist (§ 1 Abs. 3 AWbG). Es zieht aber eine Grenze: Inhalte ohne unmittelbaren Bezug zur Tätigkeit sind nur eingeschlossen, wenn sie in der beruflichen Tätigkeit zumindest zu einem mittelbar wirkenden Vorteil des Arbeitgebers verwendet werden können. Ein berufsbezogener Sprachkurs erfüllt das in der Regel, ein reines Hobbyseminar nicht.

Ausdrücklich keine Bildungsveranstaltung sind in NRW Kurse zur Erholung, Unterhaltung, privaten Haushaltsführung, Körper- und Gesundheitspflege, sportlichen, künstlerischen oder kunsthandwerklichen Betätigung (§ 9 Abs. 2 Nr. 1 AWbG) sowie Kurse, die auf das Einüben psychologischer Fertigkeiten gerichtet sind (Nr. 2). In Baden-Württemberg sind Erholungs-, Unterhaltungs-, Haushalts- und Körperpflegekurse ausgeschlossen (§ 6 Abs. 2 Nr. 3 BzG BW), ebenso psychologische Trainings ohne beruflichen Bezug (§ 6 Abs. 2 Nr. 5 BzG BW) – der Zusatz „ohne beruflichen Bezug" fehlt in NRW und macht Baden-Württemberg an dieser Stelle offener.

Auch der Umfang ist geregelt und wird oft übersehen: In NRW muss die Veranstaltung in der Regel an mindestens fünf, ausnahmsweise an mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen stattfinden und täglich in der Regel acht, mindestens sechs Unterrichtsstunden à 45 Minuten umfassen (§ 5 Abs. 5, § 9 Abs. 1 Nr. 4 AWbG). Ein eintägiges Fachseminar ist dort also grundsätzlich nicht bildungsurlaubsfähig. In Baden-Württemberg genügen durchschnittlich sechs Zeitstunden Unterricht pro Tag (§ 6 Abs. 1 Nr. 4 BzG BW).

Ist Bildungsurlaub auch in Teilzeit möglich?

Ja, und meistens in vollem Umfang. Entscheidend ist nicht die Stundenzahl, sondern die Zahl der Wochenarbeitstage: Wer regelmäßig an fünf Tagen pro Woche arbeitet, hat auch mit einer halben Stelle die vollen fünf Tage Bildungsurlaub. Erst wer regelmäßig an weniger als fünf Tagen arbeitet, bekommt anteilig weniger (§ 3 Abs. 1 BzG BW).

Im Wortlaut: „Wird regelmäßig an weniger als fünf Tagen in der Woche gearbeitet, so verringert sich der Anspruch entsprechend" (§ 3 Abs. 1 BzG BW). In Nordrhein-Westfalen wirkt dieselbe Regel in beide Richtungen: „Wird regelmäßig an mehr oder weniger als fünf Tagen in der Woche gearbeitet, so erhöht oder verringert sich der Anspruch entsprechend" (§ 3 Abs. 2 AWbG). Wer im Schichtdienst regelmäßig an sechs Tagen pro Woche eingeteilt ist, hat dort also mehr als fünf Tage Anspruch.

Gerade in der Pflege, wo Teilzeitmodelle die Regel sind, wird dieser Punkt am häufigsten falsch verstanden – von Beschäftigten wie von Vorgesetzten. Eine Kürzung „weil du ja nur 50 Prozent arbeitest" ist bei fünf Arbeitstagen pro Woche schlicht nicht vom Gesetz gedeckt. Ein Nebeneffekt für Kleinbetriebe in BW: Bei der Zählung der zehn Beschäftigten werden Teilzeitkräfte bis 20 Wochenstunden nur halb, bis 30 Wochenstunden zu drei Vierteln berücksichtigt (§ 7 Abs. 3 BzG BW).

Person hält einen Bleistift und schreibt auf ein Blatt Papier
Auch in Teilzeit besteht der volle Anspruch, solange regelmäßig an fünf Tagen pro Woche gearbeitet wird.

Wer trägt die Kosten für den Bildungsurlaub?

Dein Arbeitgeber zahlt während der Freistellung das Entgelt weiter (§ 8 Abs. 1 BzG BW; § 7 AWbG). Kursgebühren, Lehrmittel, Fahrt und Unterkunft trägst dagegen du selbst (DGB, 2026). Das unterscheidet Bildungsurlaub von einer arbeitgeberfinanzierten Pflichtfortbildung, bei der der Betrieb die Rechnung übernimmt.

Plane die Kursgebühr deshalb wie eine reguläre Ausgabe ein. Manche Häuser übernehmen freiwillig einen Teil, ein gesetzlicher Anspruch darauf besteht nicht – frag nach einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung. Interessant ist der sächsische Weg ab 2027: Dort erstattet das Land privaten Arbeitgebern mit in der Regel höchstens 20 Beschäftigten 115 Euro je Freistellungstag (§ 7 SächsQZG), um kleinen Betrieben die Zustimmung zu erleichtern.

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Zählt ein reiner Online-Kurs als Bildungsurlaub?

Das hängt am Bundesland und ist einer der häufigsten Planungsfehler. In NRW sind digitale Bildungsveranstaltungen ausdrücklich zulässig, sofern sie nachweislich den vorgeschriebenen Zeitrahmen umfassen (§ 9 Abs. 1 AWbG). In Baden-Württemberg sind Nicht-Präsenzformen nur bei mehrtägigen Maßnahmen erlaubt, und die Präsenzzeit muss überwiegen (§ 6 Abs. 1 Nr. 4 BzG BW).

Für Pflegekräfte und Ärzt:innen im Schichtdienst ist dieser Unterschied handfest: In NRW kannst du ein vollständig digitales Kursformat wählen und um den Dienstplan herum planen. In Baden-Württemberg funktioniert das nur als Hybridformat mit überwiegendem Präsenzanteil – ein reiner Online-Kurs ist dort nicht bildungszeitfähig, egal wie gut er ist.

Was passiert bei Krankheit während des Bildungsurlaubs?

Gute Nachricht: Die Tage bleiben dir erhalten. Erkrankst du während der Freistellung und weist die Arbeitsunfähigkeit durch ärztliches Attest nach, werden diese Tage nicht auf deinen Anspruch angerechnet (§ 3 Abs. 4 BzG BW; § 3 Abs. 5 AWbG). Das Entgelt wird in Baden-Württemberg auch für den Krankheitsfall während der Bildungszeit fortgezahlt (§ 8 Abs. 1 BzG BW).

Praktisch heißt das: Melde die Erkrankung unverzüglich deinem Arbeitgeber und lege das Attest beiden Seiten vor – dem Arbeitgeber und dem Kursträger, denn ohne ordnungsgemäßen Teilnahmenachweis greift in BW die Acht-Wochen-Frist des § 7 Abs. 5 BzG BW. Das ist keine Ermessensfrage deiner Personalabteilung und auch nichts, was dein Arbeitsvertrag verschlechtern dürfte: In Baden-Württemberg ist der gesetzliche Anspruch ausdrücklich ein Mindestanspruch (§ 5 Abs. 1 BzG BW), und in NRW darf von den Bestimmungen des AWbG nicht zuungunsten der Beschäftigten abgewichen werden (§ 8 Abs. 1 AWbG).

Denk in Baden-Württemberg trotzdem an das Jahresende: Weil nicht genutzte Tage dort verfallen und nicht ins Folgejahr wandern (§ 3 Abs. 5 BzG BW), solltest du einen krankheitsbedingt ausgefallenen Kurs möglichst noch im selben Kalenderjahr nachholen.

Welche Weiterbildungen eignen sich für Pflegekräfte und Ärzte?

Geeignet ist jede Maßnahme, die der beruflichen oder politischen Weiterbildung dient und von einem im jeweiligen Bundesland anerkannten Träger durchgeführt wird. Für Pflegekräfte und angestellte Ärzt:innen sind das vor allem Fachfortbildungen, Managementseminare und berufsbezogene Sprachkurse – reine Wellness- oder Entspannungsangebote fallen dagegen aus dem Bildungsurlaub heraus. Typische Formate aus dem Klinik- und Praxisalltag:

  • Fachfortbildungen zu neuen medizinischen oder pflegerischen Verfahren
  • Hygiene-, Notfall- und Deeskalationsmanagement mit klarem Bezug zur Stationsarbeit
  • Seminare zu Führung, Organisation, Arbeits- und Sozialrecht im Gesundheitswesen
  • Berufsbezogene Sprachkurse, etwa zur Vorbereitung auf einen internationalen Klinikeinsatz oder für die Kommunikation mit fremdsprachigen Patient:innen
  • Politische Weiterbildung – der einzige Bereich, der Auszubildenden in NRW und Baden-Württemberg überhaupt offensteht

Was nicht funktioniert, obwohl es oft empfohlen wird: Resilienz-, Achtsamkeits-, Entspannungs- und Gesundheitsförderungskurse. Genau diese Formate schließen § 9 Abs. 2 Nr. 1 und 2 AWbG in NRW aus, und in Baden-Württemberg greifen § 6 Abs. 2 Nr. 3 und 5 BzG BW, sobald der berufliche Bezug fehlt. Ein Deeskalationstraining für die Notaufnahme ist etwas anderes als ein Stressbewältigungswochenende.

Kannst du Bildungsurlaub für eine Hospitation oder Fortbildung im Ausland nutzen?

Nur in engen Grenzen – und in Nordrhein-Westfalen praktisch gar nicht. § 9 Abs. 2 Nr. 5 AWbG schließt Veranstaltungen aus, die mehr als 500 Kilometer von der NRW-Landesgrenze entfernt stattfinden; die einzige Ausnahme sind Gedenkstätten zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Ein Klinikaufenthalt in Sri Lanka, Nepal oder Sansibar fällt für NRW-Beschäftigte damit heraus.

Auch dort, wo keine Entfernungsgrenze im Gesetz steht, bleibt eine hohe Hürde: Die Maßnahme muss von einer im jeweiligen Bundesland anerkannten Bildungseinrichtung durchgeführt werden (§ 6 Abs. 1 Nr. 3 in Verbindung mit § 9 BzG BW; § 9 Abs. 1 Nr. 2 AWbG). Eine ausländische Partnerklinik ist das in aller Regel nicht. Hinzu kommt, dass Studienreisen mit überwiegend touristischem Charakter ausdrücklich ausgeschlossen sind (§ 6 Abs. 2 Nr. 7 BzG BW; § 9 Abs. 2 Nr. 4 AWbG). Wir haben nicht alle 14 Landesgesetze für dich geprüft – geh deshalb nicht davon aus, dass ein Auslandseinsatz als Bildungsurlaub durchgeht, sondern frag vor der Buchung schriftlich bei deinem Arbeitgeber und der zuständigen Landesstelle nach.

Realistischer Plan B: Die meisten Berufstätigen kombinieren einen Auslandseinsatz mit regulärem Urlaub, unbezahlter Freistellung oder einem Sabbatical und nutzen den Bildungsurlaub für Kurse im Inland. Wer bereits im Beruf steht und praktische Erfahrung in einem anderen Gesundheitssystem sammeln möchte, findet über unsere Hospitation als Ärztin oder Arzt an unseren Standorten in Sri Lanka, Nepal, Bali und Sansibar den passenden Rahmen.

Studierende haben ohne Beschäftigungsverhältnis ohnehin keinen Bildungsurlaubsanspruch. Für sie sind Famulatur und Pflegepraktikum im Ausland die passenden Formate. Ob ein Auslandsabschnitt später anerkannt wird, entscheidet immer das zuständige Landesprüfungsamt – kläre das schriftlich, bevor du buchst.

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Häufig gestellte Fragen

Fazit: So nutzt du deinen Bildungsurlaub optimal

Bildungsurlaub für Pflegekräfte und Ärzte ist ein wertvolles, aber selten ausgeschöpftes Recht: bis zu fünf bezahlte Tage jährlich in 14 von 16 Bundesländern (DGB, 2026). Entscheidend sind drei Dinge, die die meisten falsch einschätzen – die Wartezeit, die Betriebsgröße und die Antragsfrist. Prüfe sie in dieser Reihenfolge, bevor du einen Kurs bezahlst.

Für einen Auslandsaufenthalt taugt Bildungsurlaub dagegen kaum: In NRW sperrt die 500-Kilometer-Grenze des § 9 Abs. 2 Nr. 5 AWbG, und überall sonst scheitert es meist daran, dass eine ausländische Klinik kein anerkannter Bildungsträger ist. Plane einen Auslandseinsatz deshalb über Urlaub oder eine gesonderte Freistellung – und kläre die Bildungsurlaubsfrage vorher schriftlich mit deiner zuständigen Landesstelle.

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Über den Autor

Nils André Stritt schreibt für travel4med über Studium, Beruf und Auslandseinsätze im Gesundheitswesen. Sämtliche Paragrafenangaben in diesem Beitrag wurden am 18. August 2026 direkt in den amtlichen Gesetzestexten des BzG BW, des AWbG NRW und des SächsQZG nachgelesen. Der Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung: Verbindlich ist immer das Gesetz des Bundeslands, in dem dein Arbeitsplatz liegt, und die Auskunft der dort zuständigen Landesstelle.

Quellen

  • Landesrecht Baden-Württemberg, „Bildungszeitgesetz Baden-Württemberg (BzG BW)" vom 17. März 2015, zuletzt geändert am 4. Februar 2021 — landesrecht-bw.de (Gesetzestext abgerufen 18.08.2026)
  • Landesrecht NRW, „Gesetz zur Freistellung von Arbeitnehmern zum Zwecke der beruflichen und politischen Weiterbildung (AWbG)" vom 6. November 1984, § 9 zuletzt geändert am 6. Dezember 2022 — recht.nrw.de (Gesetzestext abgerufen 18.08.2026)
  • REVOSax Landesrecht Sachsen, „Sächsisches Qualifizierungszeitgesetz (SächsQZG)" vom 4. Februar 2026, in Kraft ab 1. Januar 2027 — revosax.sachsen.de (abgerufen 18.08.2026)
  • Regierungspräsidien Baden-Württemberg, „Bildungszeit" — rp.baden-wuerttemberg.de (abgerufen 18.08.2026)
  • Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW (MKW), „Arbeitnehmerweiterbildung" — mkw.nrw (abgerufen 18.08.2026)
  • Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB), Ratgeber „Bildungsurlaub" — dgb.de (abgerufen 18.08.2026)
  • International Labour Organization (ILO), „Paid Educational Leave Convention, 1974 (No. 140)" — normlex.ilo.org (von Deutschland 1976 ratifiziert)
  • Prof. Dr. Reingard Zimmer (HWR Berlin), „Bildungsfreistellung für Arbeitnehmer/innen und die (Nicht-)Umsetzung des ILO-Übereinkommens 140 im deutschen Recht", ZESAR 2/2015 und 3/2015